Das Stammesgebiet

Ein Bericht über zwölf Kinder aus das Stammesgebiet Wayanad / Mitraniketan

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Von Niels-Henrik Mengel Andreassen und Benedicte Mengel (Foto) – Frühjahr 2013

Im Norden des Staates Kerala liegt das Gebiet Wayanad. Das ist ein Stammesgebiet, wo die moderne Zivilisation noch nicht ganz Fuß gefasst hat. Ein großer Teil der Schüler in Mitraniketan kommt aus diesem Gebiet, und im Frühjahr 2013 haben zwei Dänen, die in Mitraniketan als Freiwillige arbeiteten, eine Reise in den Norden Keralas vorgenommen. Sie wollten der Frage nachgehen, wie das Leben in dieser Gegend ist, wo die Schüler herkommen. Hier folgt ihr Bericht:

Im Zusammenhang mit Mitraniketan hat die Umwelt im Laufe der Jahre viel über “Entwicklungsprojekte”, “Kurse”, “Pädagogik” usw. erfahren, aber sehr wenig ist bekannt über die einzelnen Schüler. Wer sind sie? Wo kommen sie her? Wie leben all die jungen Menschen, denen wir jeden Tag bei der allmorgendlichen Versammlung oder auf dem Weg zum Unterricht begegnen? Wir, d.h. meine Frau Benedicte und ich, nahmen uns vor, einige dieser Schüler näher kennen zu lernen, und zwar indem wir ihren Heimatort ”the District of Wayanad” (etwa: Der Bezirk Wayanad) im Norden Keralas besuchten. Dort wollten wir einige ihrer Verwandten aufsuchen. Nach unserer Rückkehr nach Mitraniketan hatten wir dann geplant, nochmals mit den Kindern zu sprechen. Wir stellten uns vor, dass wir mit 4-5 Kindern arbeiten würden. Aber – hoppla – es tauchten 12 Kinder im Alter von 7-15 Jahren auf.

Wir trafen uns mit den Schülern in Ashas Büro, wo wir ihnen erst mal erklärten, worauf unser Plan hinausging. Dann nahmen wir ein Porträtfoto von jedem Einzelnen. Vielleicht waren die Schüler sich nicht ganz bewusst, worauf all dashinauslief, aber es erweckte große Freude und großes Interesse bei ihnen, fotografiert und ”gesehen” zu werden.

Mit der hilfreichen Unterstützung und dem Segen der Schule machten wir uns auf den Weg. Man hatte uns noch den Namen des Repräsentanten von Mitranitekan im District Wayanad gegeben. Es dauerte 16 Stunden mit dem Zug und Bus, bis wir in der Stadt Mananthavari ankamen. Unterwegs hatten wir reichlich Gelegenheit darüber nachzudenken, dass die Schüler dieselbe Strecke wie wir zurücklegen mussten, wenn sie ihr Bergdorf in Wayanad verließen. Die Großen sowie die ganz Kleinen.

Wir waren überzeugt davon, dass unser Projekt durchführbar war – obwohl wir auch unsere kleinen Zweifel daran hatten. Vielleicht war das ganze Projekt doch ein bisschen naiv? Es zeigte sich dann auch, dass unsere Pläne nicht so ohne weiteres durchführbar waren. Vor allem standen wir vor folgendem Problem: Wie sollten wir die Familienmitglieder unserer 12 Schüler ausfindig machen? Wo sollten wir einen Dolmetscher finden? Wir wussten, dass die Behörden nicht gerade begeistert von ausländischen Besuchern in den Stammesgebieten waren. Und wie sah es mit der Sicherheit aus? Dazu kam, dass es ein Alkoholproblem gibt, und dass Wayanad im Begriff ist, von Maoisten (genannt ”Nexaliten”) infiltriert zu werden, die sehr konsequent für die Rechte der Stämme kämpfen. Eine Zeitlang sah es etwas problematisch aus, und wir fürchteten schon, dass unser Besuch zu einer Sightseeing-Tour umgewandelt werden würde. Aber dann wurden alle Probleme gelöst, eins nach dem anderen – dank der großen Hilfe von Reghu und Shaji, dem Repräsentanten der Schule vor Ort. (Reghu machte seinen Einfluss von der Schule aus geltend).

Mit Shaji konnten wir dann am nächsten Morgen mit einem Jeep in Richtung Kalpetta losfahren. Bei Kalpetta verließen wir die öffentliche Straße und fuhren zu einem Dorf, wo wir Rajan mit an Bord nahmen. Rajan ist ”social worker”, das heißt er ist von den Behörden beauftragt, für den Kontakt zwischen der Stammesgesellschaft und der übrigen Gesellschaft zu sorgen. Leider sprach er nur ein sehr begrenztes Englisch.

Es ging dann weiter den bewaldeten Berg hoch. Zuletzt mussten wir zu Fuß weitergehen. Wir wanderten durch eine Gegend mit hohen Bäumen, Kaffeebüschen und Pfeffer, bis wir das erste Haus, ein graues Betongebäude, erreichten. Das Gebäude lag mitten im Gebüsch. Neben dem Gebäude, auf einem offenen Platz, lag eine kleine ”open air” Küche.

Wir waren umgeben von zwitschernden Vögeln, und das Geräusch von rieselndem Wasser war zu hören – sonst herrschte Stille. Wir wurden dann auf einen großen Baum aufmerksam, der mit großen, weißen Blüten neben einem Opferstein stand. Rajan ging nun im Voraus einen windenden Pfad entlang und kehrte kurz darauf zurück – gefolgt von einer älteren Frau, die uns mit ängstlichen Augen ansah. Wir erzählen ihr, warum wir gekommen waren, und sie hieß uns willkommen. Als wir ihr das Bild von ihrem Enkel zeigten, kamen ihr die Tränen. Wir konnten uns kaum mit dieser Frau verständlich machen, aber es gelang uns doch durch Gesten und Lächeln eine Art freundlichen Kontakt herzustellen.
Es gelang uns, die Familienmitglieder von sämtlichen 12 Schülern zu finden, und damit war unsere Mission erfüllt.

Wir fotografierten die Familienmitglieder, während sie das Bild des Kindes (des Enkels/der Enkelin) vor sich hielten, so daß wir diese Fotos mit zurück nach Mitraniketan bringen konnten. Überall stießen wir auf große Gastfreundlichkeit und großes Interesse. Wir stellten viele Fragen und erzählten auch ein bisschen, aber es war schwer, die sprachlichen Barrieren zu überwinden.

Uns bleibt der Eindruck von sehr freundlichen Menschen, die in den Bergen wohnten – in einem sehr naturschönen Gebiet.

Als wir zurück zur Schule kamen, wurde eine Zusammenkunft mit den Schülern in Sethus Büro arrangiert, wo wir die Bilder von unserer Fahrt zeigen konnten. Alle waren sehr gespannt. Es war beinahe so wie bei einer Filmpremiere.

Als wir dann die Bilder von den Familienmitgliedern der Kinder und von ihrem Heimatort auf unserem kleinen Computer zeigten, war die Freude der Kinder übergroß. Es war uns gelungen den Kontakt zwischen ihrer Heimat und der Schule herzustellen. Wir waren das Bindeglied, und so wurden wir auch ein Teil ihrer Freude. Zahlreiche Male nach der “Premiere”, musste der Computer wieder angemacht werden. Immer wieder wollten die Kinder die Fotos sehen, und es wurde gelacht, diskutiert und mit dem Finger auf die Bilder gezeigt. Ja, wir wunderten uns eigentlich, dass ihr Interesse nie nachzulassen schien. (Ach, hätten wir doch nur ihre Sprache (Malayalam) verstehen können).

Mit diesen neuen Erfahrungen im Gepäck kam nun unser nächster Schritt. Nun wollten wir gern die Kinder interviewen. Mr. Prem, der Bibliothekar von Mitraniketan, stellte sich als Dolmetscher zur Verfügung, und wir luden nun kleine Gruppen von 2-3 Schülern zu einem Glas Limonade und einem Gespräch in der Bibliothek ein. Die Kommunikation war jedoch dadurch erschwert, dass es große Barrieren sprachlicher, sozialer, kultureller und altersmäßiger Art gab. Deswegen entstanden leicht Missverständsnisse, und es zeigte sich bald, dass es sehr schwierig war, ein entspanntes und umfassendes Gespräch mit den Schülern zu führen. Die Schüler waren zwar positiv und entgegenkommend, aber leider auch sehr schüchtern und sie waren es deutlicherweise überhaupt nicht gewöhnt, sich darüber auszubreiten, was sie dachten und fühlten.

Abschließend luden wir die Schüler in den Zoo von Trivandrum ein, mit nachfolgendem Lunch in einem Restaurant. Danach besuchten wir einen Spielplatz. Dieser Ausflug wurde auch fotografiert, und nachfolgend zeigten wir den Schülern die Bilder. Wieder war die ”Rezension” sehr positiv. Bei der letzten Versammlung in Sethus Büro hielten einige der Schüler eine Rede, in der sie uns für unser Interesse für ihr Leben und ihre Heimat dankten. Wir können nur sagen: Auch wenn wir mit unserem Projekt nicht ganz das erreichten, was wir uns vorgestellt hatten, fanden wir doch, dass der ganze Verlauf des Projekts sehr ergiebig für die Schülergruppe und auch für uns war. Es war ein großes Erlebnis für uns, diese Schülergruppe näher kennen zu lernen, so dass wir uns einen Eindruck von ihrem Hintergrund und ihrem Heimatort machen konnten. Das Ganze hat bei uns den Eindruck hinterlassen, dass die Schüler, die kleinen als auch die großen Schüler, ein gutes Erlebnis hatten.

Aber was mit all den anderen Schülern, die nicht ausgewählt wurden? Wir hätten ja gern alle mit einbezogen. Aber wie Mrs. Sethu sagte: “So ist nun mal das Leben. Ihr könnt ja nicht für alle etwas tun, aber die 12 Schüler haben ein großes Erlebnis gehabt, das sie nie vergessen werden.”

Gespräche mit den Schülern

Wie schon erwähnt interviewten wir die Schüler nach unserem Besuch im District Wayanad. Wir haben den Schülern eine große Anzahl Fragen gestellt, und da ihre Antworten ziemlich gleichlautend waren, habe ich sie bearbeitet und in 4 Aussagen zusammengefasst.

Visakh (Junge)
Mein Name ist Visakh. Ich bin 15 Jahre alt und gehe in die 8. Klasse. Wenn ich an mein Dorf denke, kann ich die Tempelglocken hören, wenn sie früh morgens läuten. Ich kann die Stimme meiner Mutter draußen hören und das Geräusch des Wassers, wenn sie unsere Kleider wäscht. Meine Mutter arbeitet zu Hause und mein Vater arbeitet für fremde Leute als Landarbeiter. Wir haben selbst ein Stückchen Land, wo wir Bananen und Kaffee anbauen, und wir besitzen einige Kokospalmen. Ich erinnere mich deutlich an den Zeitpunkt, als ich das Dorf verlassen sollte, um nach Mitraniketan zu fahren. Wir mussten mit dem Bus fahren. Ich hatte vorher eine andere Schule besucht und sollte nun in der 2. Klasse anfangen. Ich erinnere mich, dass ich viel auf der Fahrt weinte, und dass es eine lange Fahrt war. Ich bin sehr froh hier in der Schule zu sein, aber ich bin nicht immer so fleißig, meine Schulaufgaben zu machen. Ich zeichne gern und spiele auch sehr gern Fußball, und dann bedeuten meine Freunde viel für mich. Wenn ich den Schulabschluss nach der 10. Klasse habe, will ich zurück nach Wayanad, um zu arbeiten und um meinen Vater und meine Mutter zu beschützen. Ich träume davon, Lastfahrer zu werden. Das wäre toll. Und vielleicht werde ich dann meine eigenen Kinder nach Mitraniketan schicken.

Vineeth (Junge)
Ich heiße Vineeth und bin 12 Jahre alt. Ich gehe in die 6. Klasse. Meine ganze Familie wohnt zusammen in einem Haus, Großvater, Onkel, alle. Mein Vater ist tot. Ich weiß nicht, wie er starb. Meiner Mutter arbeitet auf dem Feld für andere. Sie arbeitet viel. Unsere Familie hat ein Stückchen Land, wo wir Kaffee, Mango, Bananen und einige Kokospalmen haben. Früh am Morgen, wenn ich in meinem Bett liege, und Großmutter und Großvater aufgestanden sind, kann ich das Singen der Vögel hören und meine Mutter. Ich spiele sehr gern Kricket und gucke Fernsehen, aber um 10 Uhr gehe ich ins Bett.

In Mitraniketan kam ich in die 1. Klasse, und ich weinte sehr viel auf der Fahrt hierher. Ich vermisse manchmal immer noch meine Familie, besonders meine Mutter. Übrigens ist meine Mutter auch hier in diese Schule gegangen, und Syam, mein kleiner Bruder, geht in die 3. Klasse. Hier habe ich viele Freunde. Wenn der Schultag vorbei ist, zeichne ich sehr gern. Ansonsten spiele ich und wasche meine Kleidung. Manchmal fällt das Licht aus, dort wo die Jungen wohnen. Dann kann ich keine Schulaufgaben machen. Aber das macht nichts. Wenn ich mit der Schule fertig bin, will ich zurück nach Wayanad, und dann möchte ich eine Autorickscha fahren.

Salini (Mädchen)
Ich heiße Salini und bin 10 Jahre alt. Mein Vater und meine Mutter passen auf ein Haus auf für ein paar reiche Leute, die nicht die ganze Zeit dort wohnen. Wir haben einen Hund und einige Hühnchen. Ich freute mich sehr, als ich hier in der ersten Klasse anfangen sollte, denn ich habe keine Geschwister. Hier habe ich viele Spielkameraden. Wenn ich erwachsen werde, möchte ich gern Malayalam studieren und eines Tages Lehrer werden. Mein Lieblingsessen ist Dosa.

Malini (Mädchen)
Mein Name ist Malini und ich bin 10 Jahre alt. Sowohl mein Vater als meine Mutter sind Landarbeiter und arbeiten für andere. Mein Bruder geht immer noch in die Schule. Wenn ich an Wayanad denke, kann ich meine Familie vor mir sehen, ich kann das Singen der Vögel hören und die Stimmen aus dem Fernseher. Einmal sah ich einen Tiger. Ich spielte mit einer Freundin ein gutes Stück von dem Dorf entfernt, und da sahen wir plötzlich einen Tiger. Er kam aus dem Wald in einiger Entfernung von uns. Wir bekamen Angst, aber dann verschwand er wieder.

Ich kam in Mitraniketan in die 1. Klasse. Ich kam mit dem Bus. Für mich war es eine spannende Reise, und ich freute mich darüber, in die Schule zu kommen. Hier habe ich viele Freunde, und es macht mir Spaß am Computer zu sitzen. Vielleicht kann ich eines Tages Computerlehrer werden. Manchmal vermisse ich meine Mutter und meinen Vater, meinen Bruder und meine Großmutter. Obwohl ich gern hier in Mitraniketan zusammen mit meiner kleinen Schwester Amritha bin, glaube ich doch, dass wenn ich selbst einmal ein Kind bekomme, werde ich es zu Hause in Wayanad in die Schule schicken.

Schlussbemerkung

Nachdem wir unser bescheidenes Projekt abgeschlossen haben, fühlen wir uns darin bestätigt, dass es den Schülern in Mitraniketan gut geht, obwohl sie weit weg von zu Hause sind, und obwohl nur wenige von ihnen dazu imstande sind, ihre soziale Herkunft zu überwinden. Doch die Schule bietet ihnen eine Ausbildung, und dazu kommt, dass sie hier frei spielen und gute Freundschaften schließen können. Trotz der Entbehrungen haben sie hier eine geborgene Kindheit. Wenn die Schule zu Ende ist, sind die Kinder besser gerüstet, der Welt da draußen ins Auge zu schauen, als wenn sie zu Hause im Dorf am Berghang geblieben wären.

Niels-Henrik Mengel Andreassen und Benedicte Mengel, im Mai 2013

Wir sind Reghu, Asha, Sethu, Prem und Rajan dankbar für die Unterstützung und Hilfe, die uns zuteil wurde. Einen besonderer Dank schulden wir Rolf Erbst für seine Übersetzung dieses Textes aus dem Dänischen ins Englische und Deutsche.

Zwei der zwölf Kinder

Malini, Salini, Visakh, Usha, Reeja, Neethu, Syam, Amitha, Neethu, Vineeth, Anitha and Jibin.

Lesen Sie mehr über Mitraniketan in deutscher Sprache auf der Website: container-baeckerei.de